Unerforschter Briefwechsel aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs
Beitrag von Daniela Mysliwietz-Fleiß
„‚Klärchen‘ und ‚Heini‘ – eine Liebesgeschichte mitten im Krieg“ – „Heinrich, der Luftwaffensoldat und Anhänger des Nationalsozialismus und sein Leben während des Krieges“ – „Das Leben in Gelsenkirchen im Zweiten Weltkrieg“
Zu allen diesen Themen mag der Bestand „Wollenweber“ Auskunft geben, der jüngst aus privater Hand ins ISG abgegeben und vorerst oberflächlich erschlossen wurde. Fast 400 handschriftliche Briefe von Klara, geborene Kempener (Jg. 1912) und Heinrich (Jg. 1908) Wollenweber aus den Jahren 1933 bis 1944 sind in dem Bestand enthalten.
Hinzu kommen ein Kriegstagebuch, ein Fotoalbum und andere Dokumente von Heinrich. Während der gelernte Kaufmann mit der Luftwaffe an verschiedenen Orten, unter anderem in Prag und in Norwegen, stationiert war, hat Klara mit den gemeinsamen Kindern den Kriegsalltag in Gelsenkirchen erlebt. Der Bestand ist mit seinen auf weiten Strecken vollständig erhaltenen wechselseitigen Briefen einzigartig: Der von Klara geschilderte Kriegsalltag aus Gelsenkirchen liefert neue Erkenntnisse für die Lokalgeschichte.
Eine wissenschaftliche Auswertung ließe einerseits einen mentalitätsgeschichtlichen Blick auf das Miteinander von Eheleuten in der Zeit des Zweiten Weltkriegs zu. Die Briefe zeugen von der tiefen Zuneigung der Eheleute zu- und der Sorge umeinander.
Ein alltagsgeschichtlicher Zugang könnte dagegen die „Heimatfront“, das Leben in Gelsenkirchen während des Krieges, geprägt von Nahrungsmittelknappheit und materiellen Entbehrungen, aber auch von einem durch die Nationalsozialisten simulierten Gemeinschaftsgefühl zum Thema haben. Insbesondere die Nahrungsmittelknappheit wird von Klara immer wieder in den Briefen an ihren Mann thematisiert. Die geschlechtergeschichtliche Perspektive eröffnet darüber hinaus den Blick auf weibliche Handlungsmacht in einer Krisensituation.
Gleichzeitig zeigen die Briefe das Leben von Heinrich, der bereits 1929 in die NSDAP eingetreten war, als Soldat der Luftwaffe. Er schrieb von Kameradschaftsabenden, vom Blaubeersammeln und von seinen Eindrücken von den zum Teil entfernten Ländern, die er kennenlernte.
Schließlich bieten die Briefe der Wollenwebers auch unter einem politikgeschichtlichen Standpunkt einen außerordentlich interessanten Bestand. Sie spiegeln nicht nur die Ereignisse des Kriegsgeschehens, sondern präsentieren auch die Einstellung eines bürgerlichen Ehepaares gegenüber dem nationalsozialistischen Regime – vorbehaltlich der Rücksichtnahme auf die Zensur.
Neugierig geworden? Das Institut für Stadtgeschichte freut sich über Forscherinnen und Forscher, die beispielsweise im Rahmen einer Bachelor- oder Masterarbeit diesen spannenden Bestand untersuchen möchten.
Die Aufnahme der Sammlung „Wollenweber“ (S 111) ins Stadtarchiv Gelsenkirchen fügt sich ein in die Sammlungstätigkeiten des Instituts für Stadtgeschichte, das diverse Briefe aus Privatbeständen aus der Zeit des Ersten und Zweiten Weltkriegs bereithält, um den Blick der Gelsenkirchener Bevölkerung zu dokumentieren. Gerne können entsprechende private Nachlässe dem Archiv angeboten werden.
OpenEdition schlägt Ihnen vor, diesen Beitrag wie folgt zu zitieren:
plenz (29. April 2026). Sammlung „Wollenweber“. GE:schichte. Abgerufen am 15. Oktober 2026 von https://doi.org/10.58079/165fj