Der Winter 1946/47 sollte einer der härtesten seit Jahrzehnten werden. Die meisten Menschen in Gelsenkirchen hatten der Eiseskälte, die bis in die Knochen drang, kaum was entgegenzusetzen. Viele lebten eng zusammengedrängt in Notunterkünften, improvisierten Wohnungen und mit geringster Möblierung. Oft hatten sie weder Elektrizität noch Kohle. Die Menschen froren – und sie hungerten. Die Lebensmittelkarten deckten nur einen Teil des wirklichen Bedarfs ab. Durch Tauschgeschäfte und Hamsterfahrten versuchten viele, die direkte Not zu lindern.
Besonders betroffen von der Knappheit waren die etwa 60.000 Kinder in Gelsenkirchen. Sie litten unter der extremen Mangelernährung noch einmal mehr, da sie im Wachstum waren. Die Essensrationen der Schulspeisung, die von der Britischen Besatzungsmacht angeboten wurden, reichten für die jungen Menschen einfach nicht aus. Dazu kam, dass viele Kinder und Jugendliche unzureichendes Schuhwerk und verschlissene Bekleidung trugen, beides konnte im kalten Winter lebensgefährlich werden. Viele Kinder starben an schweren Infektionserkrankungen oder an Unterernährung. Die notdürftige Unterkunft tat das ihrige dazu.

Die große Not der Menschen, besonders der Kinder, erreichte auch das Schwedische Rote Kreuz in Stockholm und damit seinen Präsidenten Graf Folke Bernadotte. Schweden, das während des Krieges neutral geblieben war, hatte bereits in den letzten Kriegsmonaten mit einer spektakulären Rettungsaktion von Häftlingen aus den Konzentrationslagern Sachsenhausen und Ravensbrück Tatkraft und Humanität gezeigt. Mit den „weißen Bussen“ des Schwedischen Roten Kreuzes konnten in den letzten Kriegswochen mindestens 15.000 Menschen nach Dänemark und Schweden gerettet und somit vor dem sicheren Tod bewahrt werden. Den nahenden kalten Winter voraussehend, setzte Graf Folke Bernadotte im Herbst 1946 erneut alle Kräfte in Bewegung. Zusammen mit der Schwedischen Hilfsorganisation „Rädda Barnen“ (Rettet die Kinder) startete der Präsident des Schwedischen Roten Kreuz eine humanitäre Hilfsaktion: die Versorgung von Kindern mit warmen Mahlzeiten in besonders kriegszerstörten Städten, darunter Gelsenkirchen, Essen, Dortmund, Hamburg und Berlin.
Im September 1946 reiste Hauptmann Hilding Hjelmberg, Bürgermeister der kleinen Stadt Katrineholm, im Auftrag des Schwedischen Roten Kreuz mit einer Delegation nach Gelsenkirchen.

Hilding Hjelmberg hatte die Anweisung, vor Ort eine umfassende Kinderspeisung zu organisieren. Über Lübeck und Hamburg erreichte er am 25. September 1946 das kriegszerstörte Gelsenkirchen. In zwei Berichten, einem Tagebuch sowie einem Memorandum, die sein Sohn Lars Hjelmberg beide dankenswerterweise in großen Teilen für das ISG übersetzt hat, schilderte der damals 44 Jahre alte Hauptmann Hjelmberg ausführlich seine bedrückende Anreise und die Ankunft in der Ruhrgebietsstadt: „Diese Stadt von der Größe Göteborgs hat, soweit ich es bisher gesehen habe, nicht ein einziges unversehrtes Haus. (…) Was wir in Hamburg sahen, war nur ein Bruchteil von dem, was hier ist.“
Die Suche nach geeigneten Räumen in den Ruinen der Stadt war schwierig. Dabei lernte Hjelmberg weitere humanitäre Hilfsprojekte kennen, die es dennoch geschafft hatten. Mit seinem britischen Verbindungsoffizier Colonel Russell besuchte er das „Schweizerdorf“, das seit April 1946 bestand. In dieser kleinen Oase verteilte das Schweizer Rote Kreuz unter der Leitung des Schweizers Alfred Ledermann täglich Essen für ca. 4.000 Kinder im Alter von 3 bis 6 Jahren. Die Schweizer hatten auch einen Kindergarten, eine Nähstube, eine Küche und eine Säuglingsfürsorgestelle für Mütter eröffnet. „Ein wahres Musterlager“, beschrieb Hjelmberg die Einrichtung, mit der die Kinder umfassend versorgt wurden, beeindruckt.
Die Versorgung von besonders bedürftigen Schulkindern
Die Zielgruppe der schwedischen Delegation waren Kinder im Alter von 7 bis 12 Jahren, und auch deren gesundheitliche Lage war katastrophal. Zunächst mussten in den Ruinen der Stadt eine Großküche organisiert, Tische und Stühle, Eimer, Besen, Töpfe und Schöpfkellen und natürlich auch die verschiedenen Verteilstationen gefunden werden. Das schwedische Team konnte am 7. Oktober 1946 mit der Verköstigung beginnen, zunächst mit der Versorgung von 1.000 Kindern. Ziel der schwedischen Hilfsaktion war es, mindestens ein halbes Jahr lang täglich etwa 2.500 Schulkinder mit einer warmen Mahlzeit zu versorgen. Damit auch wirklich die bedürftigsten Kinder versorgt wurden, waren 15 Ärzte zusammen mit der Schulbehörde mit der Auswahl der Kinder beschäftigt. Diese sollten dann drei Wochen lang die Möglichkeit einer warmen Mahlzeit erhalten und langsam zu Kräften zu kommen. Dann kamen die nächsten Kinder und Jugendlichen an die Reihe.
Insgesamt wurden laut Hjelmberg täglich ca. 7.000 Liter Suppe produziert: Gemüse-, Nudel-, Erbsen-, Milch- oder Haferflockensuppe. Gekocht wurde in großen Kesseln mit etwa 300 Litern, in der Großküche, die sich in der Bokermühlstraße 56 in der Nähe des Hauptbahnhofs befand. Die Zutaten kamen aus Schweden (darunter übrigens auch Lebertran aus Island) und wurden in einem großen Luftschutzbunker gelagert.

Wieviel Kinder wurden in Gelsenkirchen täglich verköstigt? Während Hjelmbergs Tagebuch die Zahl 2.500 nennt, gibt die Gelsenkirchener Stadtchronik die Zahl von 14.000 Kindern an, was recht hoch erscheint. Auch die Anzahl der Verteilstationen ist nicht eindeutig zu klären. Sicher ist, dass die Verteilung der Mahlzeiten vor allem in Gaststätten und Schulen stattfand. Waren es sieben oder doch 30 Ausgabestellen? Im Stadtteil Bismarck etwa wurden, Hauptmann Hjelmberg zufolge, in einem Schulgebäude 650 Kinder verköstigt. In der Gelsenkirchener Stadtchronik finden weitere Stationen Erwähnung. Als Anfang Dezember der Präsident des Schwedischen Roten Kreuzes, Graf Folke Bernadotte, für zwei Tage Gelsenkirchen besuchte, besichtigte er zwei Ausgabestellen: die Freiluftschule an der Zeppelinallee und die Josefschule im Stadtteil Schalke. An anderer Stelle genannt werden außerdem die Gaststätte Achenbach an der Angelnstraße in Erle, die Gastwirtschaft Naber am Ende der Quellenstraße in Scholven und das Zechencasino an der Wilhelmstraße. Bereits diese Zusammenstellung zeigt das breite Versorgungsnetz, welches die „Schwedenspeisung“ – wie sie bald überall genannt wurde – über Gelsenkirchen gespannt hatte.

Die „Schwedenspeisung“
Etwa 100 ehrenamtliche Helferinnen verteilten die warmen Suppen. In Ermangelung an geeignetem Geschirr mussten die Kinder eigene Gefäße mitbringen. Hjelmberg notierte in sein Tagebuch erschüttert, was sie mitbrachten: große Keksdosen, Blechbüchsen, Fischdosen, sogar Nachttöpfe oder Blumentöpfe. „Einige hatten einen Löffel, andere nicht. Ihr Versuch, die kochend heiße Suppe zu trinken, war berührend.“ Die tiefe Not der Menschen offenbarte sich Hauptmann Hjelmberg in den Begegnungen mit den Bedürftigen. Täglich kamen Mütter zu ihm und baten für ihre Kinder um einen Platz in der Schlange: „Als ich erklärte, dass alle Plätze für die nächsten drei Wochen belegt sind, aber sie eventuell eine Möglichkeit für die nächste Periode hätten, passierte es öfter, dass ich die Antwort erhielt: ‚Danke, es ist sehr freundlich, aber in drei Wochen lebt mein Kind nicht mehr.‘“ Auch erschütterte ihn der schlechte körperliche Zustand der Kinder. „Ein Mädchen hatte tatsächlich nur ein Kleidungsstück an, eines, das einem Ghandi-Tuch ähnelte. An den Beinen nichts, an den Füßen nichts. Der Bauch aufgebläht (…). An der Hand hielt sie einen jüngeren Bruder, auch er mit dem charakteristisch aufgeblähten Bauch.“ Hjelmberg wurde von solchen Begegnungen zutiefst berührt, zumal er selbst Kinder im gleichen Alter hatte.

Die freiwilligen Helferinnen waren gehalten darauf zu achten, dass die Mahlzeit direkt nach der Ausgabe verspeist würde und ausschließlich von den zuvor ausgewählten Kindern. Manche von ihnen brachten ihre jüngeren Geschwister mit, hofften, dass auch diese eine Zuteilung erhielten – oder wollten sie vor Ort teilen. Manche Kinder versuchten auch, sich mit der Suppe nach Hause zu stehlen, um die Familie zu Hause zu versorgen. Für Hjelmberg und sein schwedisches Team war es nicht einfach, ihre Menschlichkeit zu wahren, denn die Vergabemengen und Kaloriengaben waren genaustens berechnet. „Situationen, die so entstanden, gehörten zu den Schwierigsten, die wir zu lösen hatten. Einerseits mussten wir die Regel einhalten, dass nur die eingeteilten Kinder unser Essen erhielten, aber auf der anderen Seite war es unmenschlich, die mitgebrachten kleineren Kinder zugucken zu lassen.“ Unbenommen dieser schwierigen Ausgangslage hat die „Schwedenspeisung“ vielen Kindern das Leben gerettet.
Das Wirken von Hauptmann Hjelmberg
Die Versorgung der unterernährten Kinder und Jugendlichen war nicht die einzige Wohltat, die Hilding Hjelmberg während seines Aufenthalts in Gelsenkirchen anschob. Bei dem Besuch von Folke Bernadotte Anfang Dezember 1946 suchte Hauptmann Hjelmberg mit ihm auch das im Wiederaufbau befindliche Evangelische Krankenhaus an der Robert-Koch-Straße auf. Sicherlich waren die beiden dort, um die Versorgung der Menschen allgemein genauer zu inspizieren. Die Stadtchronik berichtet darüber, dass wenig später eine großzügige Spende aus Schweden zur Ausstattung der Innenräume des Krankenhauses, insbesondere zur Ausstattung der Säuglingsstation eingegangen sei. Die Säuglingsstation erhielt, so die Chronik, den Namen „Schweden-Station“. Bekannt ist auch, dass Bewohnerinnen und Bewohner des Altersheims in Rotthausen an Weihnachten mit Geschenken aus Schweden Bescherung „im schwedischen Stil“ feierten.

Hilding Hjelmbergs Dienstzeit in Gelsenkirchen endete am 16. Dezember 1946. Er wurde feierlich von Oberbürgermeister Robert Geritzmann verabschiedet. An seine Stelle trat Major Bolynder, der die wichtige Arbeit bis Juni 1948 fortführte. Hauptmann Hjelmberg kehrte in seine Heimatstadt zurück. Er nahm dort bis 1967 seine Aufgaben als Bürgermeister (Borgmästare) wahr. Doch haben ihn Gelsenkirchen und besonders die Menschen, die ihm in dieser schweren Zeit begegnet sind, nie losgelassen. Nach Aussage seines Sohnes, kehrte er noch viele Male hierher zurück und pflegte lange Jahre den Kontakt zu Gelsenkirchen. Er starb 1987, im Alter von 85 Jahren.
Dankbar im Gedächtnis bleiben wird der Stadt die tatkräftige, lebensrettende Unterstützung der Schwedinnen und Schweden nach dem Krieg. Aus Dankbarkeit für die segensreiche Hilfe aus Schweden, erhielt die Quellenstraße, in der eine Ausgabestelle war, Ende 1947 den Namen Schwedenstraße. Denn eine solche Unterstützung war so kurz nach dem Krieg keineswegs selbstverständlich. Umso mehr bezeugt dies die großzügige Menschlichkeit des Landes Schweden – verkörpert in der Person von Hilding Hjelmberg. Noch heute erinnern sich die inzwischen älteren Menschen, die damals versorgt wurden, an die „Schwedenspeisung“ – und welche Bedeutung diese Gaben für ihre Entwicklung hatten.
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skittel (1. Oktober 2026). Vor 80 Jahren: Hilding Hjelmberg baut die Schwedenspeisung für Gelsenkirchener Schulkinder auf. GE:schichte. Abgerufen am 15. Oktober 2026 von https://doi.org/10.58079/16vbl